Wetter | Bielefeld
8 °C

L’homme qui marche - Verkörperung des Sperrigen

L’homme qui marche - Verkörperung des Sperrigen

Die Kunsthalle Bielefeld widmet sich mit ihrer Ausstellung «L’homme qui marche – Verkörperung des Sperrigen» im Winter 2019/2020 der Skulptur. Ausgehend von zentralen Werken der eigenen Skulpturensammlung und ergänzt durch hochkarätige Leihgaben zeigt die Ausstellung bis zum 8.3.2020 «Verkörperung des Sperrigen» in der Skulptur der Klassischen Moderne bis in die Gegenwart, von Rodin bis heute. Seitdem Auguste Rodin im späten 19. Jahrhundert die Vorbildlichkeit des klassisch-antiken Kanons des Idealschönen für das Bild des Menschen in der Bildhauerei endgültig außer Kraft gesetzt hatte, geht es mit den nun entstehenden Gestaltungen immer auch um die Diskrepanz zwischen dem traditionell «Schönen» und dem zunehmend «Sperrigen» im Sinne des Abstrahierenden, Vorbildlosen und optisch Widerständigen.
In den Jahren 1877/1878 schuf Auguste Rodin die aus heutiger Sicht wegweisende Plastik «L`homme qui marche». Sie kann als Wendepunkt in der Geschichte der Skulptur angesehen werden, weil Rodin in ihr erstmals paradigmatisch das Unvollendete zu einer vollwertigen künstlerischen Arbeit erklärte. Zudem setzte er dieses Werk aus Fragmenten bisher geschaffener Plastiken zusammen. Wesentliche Anteile der Schrittstellung jener schreitenden Figur lassen sich auf «Saint Jean-Baptiste»(1880) zurückführen, der Oberkörper entstammt plastischen Studien zur «Porte de l´enfer». Damit ist die an der klassischen Antike ausgerichtete Bildhauerei des 19. Jahrhunderts überwunden und eine neue künstlerische Freiheit gesetzt, die bis in das gesamte 20. Jahrhundert hinein wirkt. Das «ewig Menschliche der Skulptur», von dem Wilhelm Lehmbruck sprach, findet in der Folge zu neuen Formen und Ausdrucksweisen. Vollendete Plastik diente über Jahrhunderte hindurch dazu, das Heroische zu repräsentieren. In der Dauerhaftigkeit von Bronze und Marmor erkannten Herrschende den Nutzen des Bildwerks als Denkmal. Rodin durchbrach diese Tradition, er dachte seine Figuren als plastische Präsenz und Gegenüber auf Augenhöhe. In der direkten Folge Rodins findet der Torso als künstlerische Setzung bei Wilhelm Lehmbruck Anwendung. 1971 ist die Plastik «Don Quichotte» von Germaine Richier aus dem Jahre 1950/51 in die Sammlung der Kunsthalle gekommen. Sie stellt einen aus der Literatur entlehnten Gegenentwurf zum klassischen Topos heraus. Germaine Richier schuf diese Plastik aus Fundstücken, aus alten Ästen und wie Strandgut anmutenden Hölzern und baute sie zu einer fragilen Figuration zusammen. Spätestens seit der documenta 1959 bildet abstrakte Skulptur im Verhältnis zum Figurativen den Schwerpunkt, auch wenn weiterhin figurative Skulpturen entstehen. In den USA und Westeuropa waren die 1960er und 1970er Jahre die Jahre der «Erweiterung des Kunstbegriffs». Was die Skulptur angeht, so traten KünstlerInnen vor allem einer Auffassung entgegen, die diese als in sich abgeschlossen begriff. Joseph Beuys etablierte die «Soziale Plastik». Das Plakat «La Rivoluzione siamo Noi» von 1970 zeigt ihn in der Rolle des Revolutionärs und Vorkämpfers frontal auf den Betrachter zuschreitend. Der Künstler inszeniert sich als die Verkörperung der voranschreitenden Avantgarde. Auch Bruce Nauman nutzt seinen eigenen Körper als plastisches Material und Gestaltungsmittel. In seinem Video «Slow Angle Walk (Beckett Walk)» aus dem Jahr 1968 vermisst er schreitend den inneren Raum seines Ateliers. Den aus Stein gemeißelten oder in Bronze gegossenen Körper der 1940er und 1950er Jahre hat in figurativer Hinsicht nun der Künstler selbst als Akteur ersetzt. Neue Materialien werden ebenso im Bereich des Skulpturalen und Plastischen zugelassen wie der Betrachter und die Betrachterin als aktive Teilnehmer. Was aus dieser Zeit an «figurativer Skulptur» überliefert ist, sind vor allem Bilder in Video, Film und Fotografie.

Erst 1980 sollte sich die Handschrift des Künstlers im skulpturalen Akt wieder demonstrativ zeigen. Der damalige Direktor der Kunsthalle Ulrich Weisner erwarb 1984 die Skulptur «Blauer Kopf» aus dem Jahr 1982 von Georg Baselitz für die Sammlung der Kunsthalle Bielefeld. Es ist die erste Erwerbung einer Skulptur von Baselitz für ein deutsches Museum. Baselitz war 1980 zusammen mit Anselm Kiefer von Klaus Gallwitz, dem damaligen Direktor des Städel Museums in Frankfurt am Main, nominiert worden, den Deutschen Pavillon bei der Biennale von Venedig zu gestalten. Der als Maler bekannte Baselitz stellte mit «Modell für eine Skulptur» seine erste plastische Arbeit aus und leitete damit eine neue Figuration ein, die auch als Abkehr von der Dominanz abstrakter, konzeptueller Werke gelesen werden kann. Baselitz fixiert die noch im Vierkantblock steckende Skulptur in ihrer Entstehung. Wie bei Rodins «L’homme qui marche» ist das Unvollendete hier vollendet. Thomas Schüttes «Große Geister» vermitteln durch die glänzend polierte silberne Oberfläche den Eindruck von aus flüssiger Materie bestehenden Körpern. Nur in der groben Silhouette erscheinen sie menschlich, Augen und Münder bestehen aus schwarzen, teils verzogenen Löchern. Die Haltung dieser an Science-Fiction-Figuren oder Wesen aus dem Weltraum erinnernden Gestalten ist spielerisch und weicht in den gebückten Haltungen, abrupten Drehungen oder den nach oben geworfenen Armen von jeder Haltung klassischer figurativer Plastik ab. Die Skulptur «ohne Titel» von Wiebke Siem besteht nur aus zwei 4 Meter langen an der Wand hängenden Armen aus schwarzem Stoff, die weit in den Raum ragen und den Betrachter quasi umarmen wollen. Asta Gröting stellt mit «Space between Four People» lebensgroße Negativformen von Abgüssen ihrer engsten Familie zu einem Kreis zusammen. Es geht ihr um das Dazwischen, das nicht sagbar ist in den zwischen-menschlichen Beziehungen. Die Plastiken von Pia Stadtbäumer hingegen sind auf den ersten Blick exakte Nachahmungen von menschlichen Körpern, die sie jedoch wie Objekte im Raum platziert und sogar mit Ösen auf dem Kopf versieht, über die sie mit einer Schnur an der Decke befestigt werden. Martin Margiela gründete 1988 sein Modelabel Maison Martin Margiela und veränderte bis zu seinem Ausstieg 2009 den Blick auf die Mode radikal. Er machte den Konstruktions-charakter von Kleidung sichtbar und verhüllte die Identität seiner Models. Er begriff in seiner Mode den Körper als Träger von Kunst. Seit zehn Jahren widmet sich Margiela nun der Kunst und führt hier wiederum Elemente der Mode, der Bekleidung von Körpern, zu Kunstwerken. Lena Henkes Arbeit «Ayşe Erkmen’s Endless Knee» von 2018 ist eine abstrahierte Übersetzung zweier übereinander liegender Kniescheiben, überzogen mit Kunststoffgranulat in einem leuchtenden Grünton. Die Skulptur ist auch für den Außenraum geeignet und lässt sich rollen, um so in die Umgebung einzugreifen. Die Arbeit spielt im Titel auf die ehemalige Professorin der Städelschule an, die mit ihren großen ortspezifischen Interventionen und Installationen immer noch eine Ausnahmeerscheinung in diesem von Männern dominierten Feld der Kunst darstellt und die Lena Henke während ihres Studiums in Frankfurt geprägt hat.

Ort
Kunsthalle Bielefeld
Artur-Ladebeck-Straße 5, 33602 Bielefeld

Teile diesen Artikel: