5. August 2021 / Allgemeines

Die „Lehrdame des Gaswerks“

Seit 110 Jahren beraten die Stadtwerke Bielefeld ihre Kunden

Das Stadtwerke-Beratungszentrum Jahnplatz Nr. 5 stellt eine gute Adresse bei Fragen rund um Energie, Wasser, Mobilität, Telekomunikation und die Bäder dar. Und das hat Tradition: Schon seit 1911 gibt es beim örtlichen Energieversorger eine Kundenberatung. Damals stellten die städtischen Betriebswerke eine „Lehr- oder Werbedame“ ein – die allererste Frau im Unternehmen.

Im „Bielefelder Generalanzeiger“ vom 12. Januar 1911 heißt es: „Die Verwaltung des Städtischen Gaswerks sucht eine mit den hiesigen Verhältnissen vertraute Dame zur Werbung neuer Gasverbraucher. Ihre Aufgabe wird sein, die Hausfrauen zu besuchen und über die zweckmäßige Gas-Benutzung zu belehren.“ Bewerbungen sollten bis zum 18. des Monats erfolgen. Eine wortgleiche Anzeige findet sich auch in der „Westfälischen Zeitung“, nicht jedoch in der sozialdemokratischen „Volkswacht“. Zielgruppe war also die bürgerlich-konservative, weibliche Leserschaft.

Eine öffentliche Diskussion

Das erste Gaswerk in Bielefeld hatte 1856 seinen Betrieb aufgenommen. Lange Zeit diente sein „Leuchtgas“ nur zu Beleuchtungszwecken. Der Einsatz des Gases zum Kochen oder Backen kam erst nach 1900 auf. Der Magistrat wollte den Gasabsatz fördern, um größere Einnahmen für die Stadtkasse zu erzielen. Die Westfälische Zeitung vom 14. Januar 1911 kommentierte: „Es steht ganz außer Zweifel, daß der Besuch der Beamtin manchen Gegner bekehren wird.“ Die Werbedame werde „Vorurteile der Hausfrauen zerstreuen und Sparsamkeitswinke geben.“ Auch die „Verwendbarkeit von Gasplätten“ würde praktisch vor Augen geführt. Es herrsche bei der Gasbenutzung in weiten Bevölkerungskreisen „eine geradezu erschreckende Unkenntnis“. Insofern würde sich eine solche Stelle rechnen.

Der Arbeitsvertrag

Am 27. Januar 1911 schlossen Direktor Carl Brüggemann (1864-1936) und die „unverehelichte“ Johanna Hugo, geboren am 26. Februar 1881 in Hollen – heute ein Stadtteil Güterslohs -, den „Privatdienst-Vertrag“. Vier Wochen später – Ende Februar – sollte die „Lehrdame“ ihren Dienst aufnehmen und zunächst im sachsen-anhaltinischen Dessau geschult werden. Damit war Johanna Hugo die allererste weibliche Beschäftigte bei den städtischen Betriebswerken. Im „Paragraf 1“ wurde das Tätigkeitsfeld festgelegt: die Werbung neuer Gasverbraucher und deren Belehrung. Johanna Hugo erhielt einen Monatslohn von 100 Mark. Ein Schlosser verdiente seinerzeit monatlich 87 Mark.

Die Westfälische Zeitung berichtete am 3. März 1911 über den Dienstbeginn der „Lehrdame“. Sie „wird die Hausfrauen besuchen, um ihnen in allen Fragen über die Verwendung des Gases, besonders zum Kochen, Braten, Backen und Plätten, mit Rat und Tat zur Hand zu gehen.“ Ferner stände sie „dienstags und freitags von 6 bis 7 1/2 Uhr“ - gemeint ist nachmittags - in der Ausstellung des Gaswerks in der Obernstraße zur Auskunftserteilung bereit.“ Es findet sich die Aufforderung: „Wer anstelle des teuren Petroleumlichtes das billige Gaslicht einführen will, verlange den Besuch der Werbedame.“ Der Beratungsraum befand sich an der Obernstraße 40. Aber noch vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 erfolgte ein Umzug an den Kesselbrink – heutiger Standort wäre schräg gegenüber dem früheren Telekom-Hochhaus.

Eine Erfolgsbilanz

Der „Jahresbericht des Städtischen Betriebsamtes vom 1. April 1911 bis 31. März 1912“ kann schon einen Erfolg vermelden: Das Gaswerk habe 362.400 m³ Stadt- und Leuchtgas mehr abgeben können – ein Plus von fast fünf Prozent. „Der Zuwachs an neuen Hausanschlüssen – 307 an der Zahl - übertrifft die früheren Zahlen erheblich.“ Besonders habe sich „die Veranstaltung von Vorträgen und Vorführungen in kleinem Kreise bewährt.“ Sechs Vorträge seien „in den Außengebieten unserer Stadt“ abgehalten worden. Ferner wurden „Unterrichtsstunden mit praktischen Uebungen im Gebrauch und in der Behandlung von Gasverbrauchsgegenständen für Hausfrauen und für Dienstboten abgehalten, die von etwa 50 Hausfrauen aller Kreise und von 44 Dienstboten besucht wurden.“ Auch die Schülerinnen der Mädchen-Mittelschulen seien entsprechend geschult worden.

Die erste „Lehrdame“ Johanna Luise Hugo wurde am 1. April 1914, gut drei Jahre nach Arbeitsbeginn, verbeamtet. Trotz ihres erfolgreichen Tuns scheint ihr jedoch die sogenannte „Zölibatsklausel“ zum Verhängnis geworden zu sein. In dem „Privat-Arbeitsvertrag“ wurde sie explizit als „unverehelichtes Fräulein“ angesprochen. Damals erwartete man von den „Fräulein“, dass sie auch unverheiratet blieben. Verstießen sie dagegen, zog das die Kündigung nach sich. So wohl auch bei Johanna Hugo. Denn nach ihrer Hochzeit am 4. August 1917 mit dem Soldaten Julius Cäsar Wolff (1878-1962) wurde ihr die Kündigung mitgeteilt - nach dessen Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg. Am 31. Dezember 1918 schied sie aus dem Dienst aus. Sie starb – fast 90-jährig – am 25. August 1971 in Bielefeld.

Das Beratungszentrum im HdT

Was mit Johanna Hugo vor 110 Jahren begann, erhielt Ende November 1929 mit dem „Haus der Technik“ einen damals hochmodernen Rahmen. „Brautkurse“, „Weihnachtsbacken für Kinder“ – wer kennt es nicht? Frisch gebackene Ehemänner konnten in Wirtschaftswunderzeiten kochen lernen, ein „Riesentauchsieder“ verdeutlichte die Wohligkeit eines warmen Bades. 1968 konnte man lernen, wie man ein halbes Schwein fachgerecht zerlegt und in der heimischen Tiefkühltruhe einfror.

Die Beratung der Stadtwerke wandelte sich stetig. Energieeffizienz in Haushalt und Gewerbe gewann ab den 1970er Jahren zunehmend an Bedeutung. Und bereits in den 1980er Jahren waren die erneuerbaren Energien Thema. 1986 installierten die Stadtwerke eine Sonnen-Kollektoranlage und zwei Jahre später Solarmodule auf dem Dach des HdT. 2017 modernisierten die Stadtwerke ihr Haus der Technik erneut und bieten seitdem Beratung und Service zu allen Themen der vielfältigen Unternehmensgruppe von Energie und Wasser über Mobilität bis hin zu Telekommunikation und Bädern.

Das Haus der Technik prägte ab Ende November 1929 den Bielefelder Jahnplatz. (Archiv Stadtwerke Bielefeld)
 

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