5. November 2021 / Allgemeines

Als Bielefeld ein Licht aufging

Vor 120 Jahren erstrahlte der Jahnplatz mit „Bogenlampen“

Schon lange dominierte in Bielefeld nachts nicht mehr nur die Dunkelheit wie im Mittelalter: Mit der Errichtung des ersten Gaswerkes im Jahre 1856 wurden auch etwa 120 Gaslaternen auf den städtischen Straßen aufgestellt, welche die alten Rüböllampen ersetzten. Doch das „Stadt- oder Leuchtgas“ produzierte lediglich eine Art Dämmerlicht. Wirklich hell wurde es erst im Dezember 1901, als vier elektrische Kohlebogenlampen auf dem Bielefelder Jahnplatz aufgestellt wurden.

Elektrizität für Bielefeld
Verschiedene Erfindungen brachten im 19. Jahrhundert neue Möglichkeiten für den Einsatz der Elektrizität im Alltag der Menschen. Auch in Bielefeld gab es im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts Überlegungen zum Aufbau eines Kraftwerks. 1897 beschloss der Stadtrat ein entsprechendes Projekt. Im folgenden Jahr – am 1. Dezember 1898 - wurde der Physiker und Ingenieur Carl Brüggemann (1864-1936) mit dem Aufbau eines Elektrizitätsnetzes in Bielefeld beauftragt. Im Jahr 1900 nahm das erste Kraftwerk an der Schildescher Straße seinen Betrieb auf, das zunächst nur Gleichstrom produzierte. Im folgenden Jahr wandten sich Brüggemann und seine Mitarbeiter der elektrischen Beleuchtung des Bielefelder Jahnplatzes mit „Kohlen-Bogenlampen“ zu.

Die „Kohlen-Bogenlampe“
Eine entscheidende Neuerung erfuhr die Beleuchtung – besonders im öffentlichen Raum - im 19. Jahrhundert durch die „Kohlen-Bogenlampe“, kurz auch Bogenlampe genannt. Sie ist eine elektrische Lichtquelle mit einem in Luft brennenden Lichtbogen zwischen zwei Elektroden aus Graphit. Die erste Kohlen-Bogenlampe wurde von dem Briten Humphry Davy (1778-1829) um 1802 konstruiert. Der Deutsche Werner Siemens (1816-1892), der im Jahre 1888 geadelt wurde, entwickelte die elektrische Bogenlampe weiter. Am 1. März 1879 nutzte er sie erstmals zum Zwecke der Straßenbeleuchtung an seinem Haus in Berlin. Bei dieser „Differential-Bogenlampe“ konnten die Kohlestäbe, zwischen denen der Lichtbogen brannte, automatisch nachreguliert und mehrere Lampen an einen Generator angeschlossen werden. Wenige Monate danach ersetzten diese elektrischen Lampen in der deutschen Hauptstadt - zwischen Friedrichstraße und Unter den Linden - die herkömmlichen Gaslaternen, die bislang in der Dunkelheit Licht gespendet hatten. Die Bogenlampen-Kandelaber wurden mit einer Lichtpunkthöhe von 18 Metern errichtet. Während Gaslaternen bis zu 90 Prozent Wärme und nur 10 Prozent Licht abgaben, war die „Lichtausbeute“ bei den elektrischen Laternen, die im 110-Volt-Gleichstromnetz betrieben wurden, wesentlich größer. So wurden sie gewöhnlich mit Gehäusen aus Glas in Form von Laternen, runden oder ovalen Kugeln versehen, die dazu dienten, das grelle Licht des Bogens abzudämpfen. Besonders „Milchglas“ fand dabei Verwendung.

Die erste Straßenbeleuchtung in Deutschland
Die Anfänge der elektrischen Beleuchtung in Deutschland lagen jedoch nicht in Industrieregionen oder Großstädten, sondern im beschaulichen Schwarzwald. Triberg war im Jahre 1884 die erste Stadt Deutschlands, die ihre Straßenbeleuchtung komplett auf elektrisches Licht umstellte. In Triberg befinden sich Deutschlands höchste Wasserfälle. Genau diese waren es, mit deren Hilfe das Städtchen deutschlandweit über Nacht in die Schlagzeilen kam. Die Wassermassen stürzen über sieben Felsstufen 163 Meter mit unbändiger Kraft ins Tal. Das „Centralblatt der Bauverwaltung“, herausgegeben im Ministerium für öffentliche Arbeiten Berlin, vom 7. Juni 1884 berichtete, dass „nahezu 50 Pferdekräfte gewonnen werden, die zum Betriebe von Dynamomaschinen für die Beleuchtung des ganzen Ortes hinreichen“.

Die neue Beleuchtung auf dem Jahnplatz
Die Bielefelder „Westfälische Zeitung“ schrieb am 5. Dezember 1901 in ihrer Ausgabe: „Der Jahnplatz strahlt in elektrischem Lichtscheine. Die vier Bogenlampen sind fertiggestellt und haben gestern Abend zum ersten Male das hellste Licht gespendet. Die Lampen funktionieren gut und beleuchten den Platz vorzüglich. Hoffentlich lässt die Aufstellung der übrigen Lampen nicht zu lange auf sich warten.“ Der Bielefelder „General-Anzeiger“ vom selben Tag hob besonders die „hellen Lichtfluten“ der Bogenlampen hervor. „Die Helligkeit, die von den neuen Lichtquellen ausgeht, wurde allgemein mit Genugtuung begrüßt, insbesondere erweist sich der vor der Löwenapotheke aufgestellte Kandelaber als zweckmäßig, denn dort war bisher der dunkelste Teil des Jahnplatzes.“ Ganz offensichtlich ging damit der lang gehegte Wunsch zahlreicher Bielefelderinnen und Bielefelder Bürger nach mehr Beleuchtung im öffentlichen Raum in Erfüllung. Die seit 1856 aufgestellten Gaslaternen schafften lediglich eine Art „Dämmerzustand“. Die neuen elektrischen Bogenlampen auf dem Jahnplatz ließen dagegen nunmehr alles „taghell“ erscheinen. Auf zeitgenössischen Darstellungen ist zu erkennen, dass die Leuchtkraft derart „erhellend“ war, dass sie durch Milchglas abgedämpft werden musste.

Weitere elektrische Lampen
Mit dem Aufstellen der ersten vier elektrischen Bogenlampen auf dem Bielefelder Jahnplatz trat diese neue Form der öffentlichen Straßenbeleuchtung ihren Siegeszug an. Verschiedenste zeitgenössische Ansichtskarten lassen erkennen, dass in den nächsten zehn Jahren an zahlreichen markanten Orten und Plätzen in der Stadt derartige neue Straßenlampen aufgestellt wurden: Auf dem Bahnhofsvorplatz, auf dem Schillerplatz, auf dem Kesselbrink oder auch vor der „Reichspost“ an der Herforder Straße. Überall tauchten die hoch aufragenden Beleuchtungsmasten auf, die drei- bis viermal höher waren als die Masten der früheren Gaslaternen.

Zukunftsweisend – die LEDs
Was vor 120 Jahren begann, erhielt genau 110 Jahre später eine weitere grundlegende Wendung – mit dem Einsatz der LEDs im Jahre 2011. Eine im September 2018 veröffentlichte Studie beschrieb Bielefeld als „absoluten Spitzenreiter bei LED-Straßenlaternen“. Bereits 51 Prozent aller städtischen Straßenlampen seien darauf umgestellt. Am Obersee gibt es seit mehreren Monaten sogar ein intelligentes Lichtsteuerungssystem in Form einer mitlaufenden Lichtwolke. In weiteren Projekten werden modernste Technologien eingesetzt um die Beleuchtung bedarfsgerecht zum Beispiel über Bewegungssensoren oder Funkbefehle zu schalten und zu steuern.

Die Kohlen-Bogenlampe hatte ihren Standort direkt vor der Löwen-Apotheke. Im Hintergrund führt der Blick in die Niedernstraße. (Sammlung Wibbing)
 

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